Am stärksten berührt mich die Ruhe dieses Abends: Die Schiffe wirken fast nebensächlich, obwohl ihre geblähten Segel mitten in der hellsten Zone stehen - Licht, Wasser und Himmel tragen eigentlich die ganze Wirkung. Gerade deshalb passt die satinierte Leinwand Leonardo gut zu diesem Motiv; die weichen Übergänge des Abendlichts zählen hier mehr als jedes grafische Detail. Tief über dem Wasser bricht die Sonne durch schwere Wolken und schickt lange Strahlen über die Bucht. Ihr gelbes Licht läuft in schmalen Bahnen auf den Wellen weiter, bis es zwischen den dunklen Felsen versickert. Links schiebt sich eine Baumgruppe als fast schwarze Silhouette ins Bild; rechts steigt eine zerklüftete Küste auf, deren Felstürme und vereinzelte Bauten eher einer Erinnerung als einem wirklichen Ort gleichen. Konstantin Bogajewski malt "Die Schiffe, die Abendsonne" 1912. Als russischer Landschaftsmaler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbindet er beobachtete Natur mit einer traumhaften Vorstellung von Ferne - das Bild erzählt weniger von einem Hafen als von Aufbruch und Vergänglichkeit.
An der Wand zeigt sich, wie sorgfältig diese Anfertigung den kleinen Schiffsverband im Gegenlicht bewahrt. Aus einiger Entfernung erscheinen die Segler nur als dunkle Zeichen vor der Sonne; wer näher tritt, sieht Masten, Rahen und die gebogenen Konturen der Segel auseinandertreten, sogar das kleinere Schiff dahinter bleibt erkennbar. Genau dort entscheidet sich die Wirkung: Zu harte Linien würden die Szene nüchtern machen, zu weiche das Motiv verschlucken. Der Druck trifft eine überzeugende Mitte und erhält die feinen Lichtstrahlen zwischen Wolkenrand und Baumwipfeln. Der schwarze Zierrahmen Amelie mit schmaler Goldkante umschließt das Bild knapp; ohne Glas bleibt die Fläche unmittelbar. Bei 60 x 48 Zentimetern behalten die Segel ihre feinen Konturen, ohne den Pinselstrich des Originals in bloße Schärfe zu verwandeln - und das warme Abendlicht behält jene leicht entrückte, erinnerungsartige Stimmung, um die es Bogajewski wohl ging.