Wo die Sonne im Bild aufreißt, hellt sich auch die Oberfläche des Drucks spürbar auf - der Strahlenkranz über dem Wasser sitzt so hell im ansonsten fast schwarzen Umfeld, dass er von der Seite betrachtet wie eine eigene Lichtquelle wirkt. Aus diesem grellen Zentrum entfaltet sich die ganze Szene: Ein Segelschiff kreuzt vor der niedrig stehenden Abendsonne, deren Strahlen fächerförmig durch die Wolkenbänke schneiden, während sich links dunkle Baumkronen und rechts eine zerklüftete Felsküste mit kleinen Tempelbauten auf den Höhen vor den Himmel schieben. Konstantin Bogayevsky, der Maler der Krim, hat dieses Blatt 1912 geschaffen, in einer Zeit, in der er seine Küstenlandschaften ins Visionäre steigerte - keine reale Bucht, sondern eine erträumte, in der Antike und Naturgewalt zusammenfallen. Das Bild trägt eine merkwürdige Doppelstimmung, feierlich und bedrohlich zugleich, denn der Himmel über dem Licht bleibt schwer, und das Wasser im Vordergrund liegt beinahe schwarz.
Genau dieses Gefälle zwischen Gleißen und Dunkel macht die satinierte Leinwand hier zu ihrer Sache: Leonardo lässt das Sonnenzentrum tatsächlich schimmern, ein weicher Glanz, der mit dem Betrachterstandpunkt wandert, während die dunklen Felspartien das Licht schlucken und stumpf bleiben - der Kontrast steckt also nicht nur in der Farbe, sondern in der Oberfläche selbst. Streift Raumlicht schräg über die 60 x 48 cm, laufen schmale Reflexe über die Wellenkämme im Vordergrund, und die kleinen goldenen Punkte in den Klippen blitzen kurz auf, bevor sie wieder im Braunschwarz versinken - an diesem Detail bleibt der Blick immer wieder hängen. Amelie, ein schwarzes Holzprofil mit innenliegender Goldkante, setzt diesem Wechselspiel eine ruhige Grenze; an der geriffelten Goldleiste schaut stellenweise die rötliche Patina durch, ein warmer Ton, der sich mit dem Abendlicht im Bild gut verträgt.