An der hellen Wand steht das Diptychon als geschlossene goldene Fläche, die den Raum um sich sofort ordnet. Aus einigen Metern Entfernung dominiert das Gold, erst beim Nähertreten lösen sich die beiden Tafeln in Figuren auf - links die knienden Könige, rechts das Blau der Engelschar. Mit 66 x 48 cm hängt das Stück in einer Größe zwischen Andachtsbild und Wandbild: groß genug für Fernwirkung, klein genug für den Nahblick. Lena, ein Goldrahmen von gerade 18 mm Breite, fasst die Leinwand mit schlankem Profil - und das finde ich hier gut, denn das Werk trägt seine ornamentierte Binnenrahmung ja bereits in sich. So entstehen an der Wand zwei Fassungen: außen das glatte Gold der Leiste, innen die rissige Vergoldung der historischen Tafeln. Deren Krakelee und Fehlstellen trägt der Druck auf der satinierten Leinwand Leonardo bis in die Ecken mit; an diesen Rissen bleibt der Blick tatsächlich am längsten hängen.
Das Wilton-Diptychon entsteht um 1395 bis 1399 als tragbares Andachtsbild für König Richard II. von England; heute hängt das Original in der National Gallery in London. Auf der linken Tafel kniet der junge König, hinter ihm stehen seine Schutzheiligen: Johannes der Täufer mit dem Lamm sowie die heiliggesprochenen Könige Edward und Edmund. Auf der rechten Tafel empfängt Maria mit dem Jesuskind die Huldigung, umgeben von elf Engeln in leuchtendem Ultramarinblau, die alle das persönliche Emblem Richards tragen - den weißen Hirsch. Über der Szene weht das Banner mit dem Georgskreuz. Das Bild ist damit mehr als Frömmigkeit: Es inszeniert die göttliche Legitimation der Herrschaft, ein politisches Programm im Format eines Klappaltars. Mich fasziniert dabei, dass etwas, das heute so feierlich und beinahe monumental wirkt, ursprünglich ein privates Bild war, das der König auf Reisen mitnehmen konnte. Richard II. kniet hier nicht als Herrscher vor Untertanen, sondern als Mensch vor dem Himmel - und lässt sich genau dabei zusehen. Persönliche Andacht und Repräsentation fallen in diesem Werk in eins.