Über Judiths Kopf stehen die Namen wie eingraviert im Goldgrund - "Judith" und "Holofernes" - und darunter blickt sie den Betrachter mit halb gesenkten Lidern an, die Lippen leicht geöffnet, den Kragen aus Gold und Edelsteinen hoch um den Hals gelegt. Von dem enthaupteten Feldherrn zeigt Klimt nur ein Stück Gesicht am rechten Bildrand, halb im Dunkel, von ihrer Hand fast beiläufig berührt. Das ist die Provokation dieses Bildes von 1901: keine fromme Heldin des Alten Testaments, sondern eine Wienerin der Jahrhundertwende, selbstbewusst, triumphierend, sinnlich. Stilisierte Feigenbäume und ornamentale Schuppen füllen den Grund, alles in jenem Gold, das Klimts Werk dieser Jahre trägt - dagegen die weiche, fast verschleierte Malerei des Gesichts und des Körpers. Genau in diesem Nebeneinander von harter Ornamentfläche und atmender Haut liegt die Spannung, die das Bild bis heute hält.
Und dieses Gold bekommt hier einen Gegenspieler: Leonie, ein Echtholzprofil in tiefem Schwarz, dessen innere Kante blank vergoldet zur Bildfläche hinführt. Fährt der Blick von außen nach innen, wechselt er dreimal die Temperatur - mattes Schwarz, dann der schmale, kühl glänzende Goldstreifen, dann das warme, gebrochene Ocker des Motivs. Der Kantenton ist heller und glatter als Klimts Gold, das auf der Leinwand eher wie getriebenes Metall wirkt, stumpf und bräunlich schimmernd; gerade dieser Unterschied verhindert, dass Rahmen und Bild ineinander verschwimmen. Das Schwarz wiederum findet im Motiv seine Verwandten: im dunklen Haar der Judith, in den Konturen der Bäume, in den blauen Punkten ihres Gewandes, die auf der satinierten Leinwand Leonardo fast wie kleine Lacktupfen sitzen - an diesem Detail bleibt der Blick tatsächlich hängen. Ein schmaler Schattenspalt trennt die Goldkante vom Druck, sodass die Leinwand frei vor dem Falz steht. Mehr braucht es hier nicht, alles Weitere würde das Bild nur bedrängen.
Klimts Judith gehört zu den Bildern, die Nähe fordern - erst dicht davor löst sich der Goldgrund in Schuppen, Rosetten und Spiralen auf. Im Hochformat von 34 x 67 cm hängt sie an heller Wand wie eine dunkle, schmale Stele, und das Schwarz-Gold der Leiste sorgt dafür, dass sie auch aus einigen Metern Entfernung sofort den Raum für sich beansprucht.