Zwei rote Schnüre halten die Handgelenke oben am Bildrand, und von dort fällt alles nach unten: die gestreckten Arme, der zurückgelegte Kopf, das weiße Tuch, das wie ein zweiter Körper hinter dem Mann herabhängt, bis zum angewinkelten Bein und dem Fuß, der unten am Rand aufsetzt. Links bleibt es dunkel und braun, rechts flammt ein roter Vorhang auf, dazwischen leuchtet die Haut. William Etty malt diese Studie 1828, und man sieht, worauf es ihm ankommt: Anatomie unter Spannung, Licht auf Brust und Schultern, der Schatten in der Achselhöhle, die karmesinrote Fessel als einziger harter Farbpunkt neben dem Vorhang. Die Pose schwankt zwischen Hingabe und Anstrengung - der Mann hängt, aber er sitzt auch, und das Gesicht wirkt eher entspannt als gequält, fast so, als warte er nur, bis der Maler fertig ist. Etty, in England bekannt für seine Hauttöne, behält solche Aktstudien meist selbst; sie sind Arbeit am Körper, nicht für den Salon gedacht. Das Original hängt heute in der York Art Gallery.
Auf der Satin-Leinwand Leonardo, 30 x 39 cm, zieht sich das Motiv ohne Rahmen über die Kanten bis auf die Seiten des Keilrahmens - an der rechten Schmalseite läuft der rote Vorhang einfach weiter, unten das olivgrüne Bodentuch. Aus der Nähe verrät die Oberfläche ihr Gewebe: Ein feines Raster liegt unter der Farbe und gibt den glatten Hautpartien eine leichte Körnung, die dem Ölgrund des Originals näherkommt als jedes glatte Papier. Genauer hinschauen lohnt sich beim weißen Tuch neben dem Kopf - dort setzt Etty die Farbe dick und schnell, und der Druck hält diese pastosen Züge als sichtbares Relief fest, mit hellen Graten und dunkleren Rinnen dazwischen. Auch der Schatten unter dem Kinn und die Knöchel des Fußes bleiben als eigene Striche lesbar, nicht als weiche Fläche. Wer einen starken Seidenglanz erwartet, wird ihn kaum finden; die Leinwand schimmert leicht, das Rot wirkt satt, nicht lackiert. Dass ein 41-jähriger Maler hier vor allem übt und trotzdem einen fertigen Körper hinstellt, sieht man an diesem Stück deutlicher als an mancher seiner großen Historienbilder.