Unter dem runden Mond schiebt sich die Hauptstadtbrücke quer durch die nächtliche Stadt, während links ein Wald aus gebündelten Bambusstangen aufragt und unter dem Brückenbogen ein einzelner Bootsführer seine beladene Barke über das blaue Wasser lenkt. Auf dem Übergang ziehen Passanten in kleinen Gruppen dahin, manche tragen geschmückte Stäbe; winzige Partien in Rot, Gelb und Blau beleben die überwiegend aus Braun, Schwarz und gedämpftem Türkis gebaute Szene, ohne ihre abendliche Ruhe zu stören. Ando Hiroshige ordnet den Alltag des alten Edo mit jener Sicherheit, die seine späten Farbholzschnitte auszeichnet: Der Brückenbau rückt so nah an den Betrachter, dass Pfeiler und Geländer beinahe zum Gerüst der ganzen Komposition werden, zugleich öffnen Wasserlauf und ferner Uferstreifen einen langen Weg in die Tiefe. Der japanische Ukiyo-e-Künstler hält 1857 keinen festlichen Augenblick im großen Sinn fest, sondern das Nebeneinander von Handel, Verkehr und Nacht; selbst der helle Mond wirkt weniger dramatisch als sachlich, ein ruhiger Gegenpol zu den dunklen Stangen und Balken. Man kann lange hinschauen, bis man merkt, wie viel eigentlich passiert - und wie wenig davon sich vordrängt. Genau darin liegt für mich der Reiz dieses Blattes.
Bei diesem Stück sitzt Hiroshiges Nachtbild unmittelbar im schwarzen Rahmen Trina, und die Leinwand Leonardo hat genau den satinierten Glanz, der zu diesem Motiv passt. Fällt Licht von vorn ein, zieht es über den blassblauen Himmel als flächiger Reflex, der Mond behält seine cremige Rundung, die schwarzen Schriftzeichen bleiben klar lesbar. Entlang der Brücke zerfällt derselbe Schein in kleinere Helligkeiten; die braunen Balken schlucken ihn weitgehend, nur an einzelnen Linien bleibt ein feiner Glanz hängen. Am besten gefällt mir, wie sich die Oberfläche unten im Wasser verhält: Ein schmaler Reflex begleitet die gedruckten Wellen, ohne daraus eine spiegelnde Fläche zu machen. Glas gibt es hier nicht, also liegt auch keine harte zweite Spiegelung über Mond und Figuren; Trina zieht außen eine matte Grenze, die an der oberen Kante kaum aufhellt - schlicht, fast unauffällig, was dem Blatt gut tut. Über die Wirkung entscheidet am Ende ohnehin der einzelne Bootsführer unter dem Brückenbogen: Ringsum arbeitet die Stadt, auf dem Wasser bleibt er ganz bei sich.