Zwischen den braunen Dächern hängt Wäsche an Leinen, kleine Farbtupfer in Rot, Blau und Gelb - fast das Einzige, was in dieser dicht gestaffelten Stadt Bewegung verrät. Egon Schiele malt 1915 den Häuserbogen von Krumau aus erhöhter Sicht, sodass die Giebel und Fassaden wie ineinander verkeilte Flächen übereinanderstürzen, umrissen von seiner nervösen, dunklen Linie. Krumau, das heutige Český Krumlov, war die Heimatstadt seiner Mutter und einer seiner wichtigsten Lebens- und Inspirationsorte; immer wieder kehrt er dorthin zurück, immer wieder malt er die kleine Stadt an der Moldau. Menschen fehlen fast völlig, und doch wirkt das Bild bewohnt - die Wäsche, die ockergelben Mauern, die Fenster wie wache Augen erzählen von Leben, das sich gerade abgewendet hat. Es ist eine der eindringlichsten Stadtansichten des österreichischen Expressionismus: melancholisch, aber ohne jede Sentimentalität.
Diese Anfertigung übersetzt das auf satinierte Leinwand und gerade bei Schieles trockenem Farbauftrag lohnt der nahe Blick. Das feine Korn des Gewebes greift in die gebrochenen Ocker- und Brauntöne ein, als läge die Kreide des Originals tatsächlich auf rauem Grund. Wer mit dem Auge die Dachkanten entlangfährt, spürt förmlich, wie die dunklen Konturen über der Struktur sitzen. Um das Motiv läuft ein tiefblauer Rand, direkt auf die Leinwand gedruckt und von einer schmalen Goldlinie zum Bild hin abgesetzt - er übernimmt die Rolle eines Passepartouts und schließt erstaunlich selbstverständlich an das schlanke Goldprofil von Lena an, das außen nur einen Hauch Begrenzung setzt. Blau, Gold, Ocker. Die Zusammenstellung wirkt wie aus einem Guss und das handliche Stück behauptet sich an der Wand deutlich größer, als seine 30 x 24 cm vermuten lassen.